Medizinische Berufe und Klinikmanagement - Wenn die Personalpolitik krankt
Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Kliniken muss verbessert werden. Einige Einrichtungen gehen bereits mit gutem Beispiel voran.
Das deutsche Gesundheitssystem war im internationalen Vergleich jahrzehntelang vielgepriesen – auch wegen der hohen Zahl an Ärzten und Pflegepersonen. Doch sein Vorbildstatus schwindet. Der um sich greifende Fachkräftemangel zeigt sich auf besonders drastische Weise in Krankenhäusern. Bis zu 12 000 Klinikärztestellen sind derzeit nach Berechnungen des Marburger Bundes unbesetzt. In 71 Prozent der Abteilungen soll mindestens eine Stelle vakant sein. Mehr als 3000 Vollzeitkräfte fehlen laut Krankenhaus-Barometer schon jetzt im Pflegedienst der Krankenhäuser.
Alternde Belegschaft
Zunehmende Besorgnis erregen die Prognosen: Aufgrund der alternden
Belegschaft wird es in den kommenden fünf Jahren eine größere Welle an Abgängen von Klinikärzten geben. Die Absolventenzahlen sinken hingegen konstant. Was zunächst lediglich wie eine Krise in einer Berufssparte aussieht, hat direkte Auswirkungen auf die Bevölkerung. Sie muss angesichts des Personalmangels mit einer verschlechterten
medizinischen Versorgung rechnen. Dabei nimmt doch gerade hier der Bedarf zu. Der stetig wachsende Anteil der älteren Menschen fragt meist auch mehr medizinische Leistungen – und das auch häufiger – als junge Menschen nach.
Die Attraktivität des Arzt- und Pflegeberufs leidet unter den steigenden psychischen und zeitlichen Belastungen. Ein Teufelskreis, der dringend durchbrochen werden muss. Laut Umfrage des Marburger Bundes hat die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für die Ärzte einen besonders hohen Stellenwert. Dies gilt vor allem auch für Ärztinnen, deren Anteil an der Belegschaft fortlaufend steigt. Überhaupt: Das Personal in Krankenhäusern ist zu 80 Prozent weiblich. Da es in der Regel aber weiterhin noch die Frauen sind, die zusätzlich stärker in die private Haushaltsführung und Kinderversorgung eingebunden sind, werden familienbewusste Angebote immer grundlegender für eine funktionierende Personalpolitik.
Schleppende Realisierung
Das Thema „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ wird in der Gesundheitsbranche zwar besprochen, aber konkrete Lösungen werden im Vergleich zur Wirtschaft nur schleppend realisiert. Die Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit gelten in Krankenhäusern als besonders schwierig. Hinzu kommt das sich hartnäckig haltende Vorurteil, dass die Einführung und fortlaufende Umsetzung familienbewusster Maßnahmen nicht nur mit einem hohen Organisations-, sondern auch hohen Kostenaufwand verbunden sind. Zahlreiche Beispiele aus der Wirtschaft zeigen jedoch, wie es gelingen kann, kostengünstige Lösungen auch in klassischen Schichtbetrieben zu finden.
Von den üblichen überlangen Diensten für Ärzte hat sich beispielsweise das Klinikum Bremen-Ost erfolgreich gelöst. Das zu den rund 100 Krankenhauseinrichtungen, die derzeit das Zertifikat zum Audit „berufundfamilie“ der berufundfamilie gGmbH tragen, zählende Klinikum bietet verschiedene Schichten von Frühdienst, Tages- bis hin zur Nachtschicht an. Diese können zudem in Teilzeit geleistet werden. Die Nachtschicht ist mit maximal zwölf Stunden angesetzt. Diesen neuen Arbeitsbedingungen für die Ärzteschaft ist eine Bewusstseinsänderung der Klinikleitung vorausgegangen. Sie hat erkannt, dass sie sich von alten Modellen verabschieden muss und kann.
Familienbewusste Personalpolitik
Das für den Erfolg einer familienbewussten Personalpolitik so maßgebliche Umdenken auf der Leitungsebene hat auch im Bremer Klinikum Links der Weser längst eingesetzt. Sie hat unter anderem ebenfalls branchenübliche Arbeitszeitstrukturen aufgebrochen
und stellt den Beschäftigten 150 verschiedene Zeiten im Bereich Krankenpflege und Funktionsdienst zur Verfügung. Für Eltern in Elternzeit beispielsweise, die der Klinik als wertvolle Mitarbeiter nicht verloren gehen sollen, bietet sie Verträge zwischen acht und 30 Stunden pro Monat an. Die Angebote stehen der gesamten Belegschaft – von Pflegern über Ärzte bis hin zu Verwaltungsangestellten – zur Verfügung. Gerade für Führungskräfte, die im besonderen Maße über zu wenig Zeit für ihre Familie klagen, stellt die familiengerechte Arbeitszeitgestaltung eine wesentliche Unterstützung dar.
Ein gutes Instrument zur Personalbindung sind auch praktikable Wiedereinstiegsmöglichkeiten. Die Medizinische Hochschule Hannover beispielsweise lädt Mitarbeiter in Elternzeit regelmäßig zu Informationsveranstaltungen ein und bietet eine betriebliche Kinderbetreuung an. Zudem werden monetäre Anreize geschaffen:
Die sogenannte „Familien-LOM“ sieht eine „Leistungsorientierte Mittelvergabe“ vor, wenn Ärztinnen, die ein Kind bekommen haben, innerhalb eines Jahres an ihren Arbeitsplatz zurückkehren.
Aktive Unterstützung für beschäftigte Eltern gewährt auch das Krankenhaus Maria-Hilf in Krefeld. In einem Zusammenschluss mit anderen Anbietern unterhält es die Kindertagesstätte MIKI, in der 30 Kinder im Alter von bis zu drei Jahren von 7.15 Uhr bis 17 Uhr betreut werden können. Die Gebühr für den Ganztagesplatz beträgt für die Eltern inklusive Essen und Windeln günstige 100 EUR monatlich.

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